Selina Ott in Grafenegg.
Schloss Grafenegg nimmt einem als Fotograf die halbe Arbeit ab — und ist gleichzeitig so überwältigend, dass man aufpassen muss, nicht die Hauptperson zu vergessen.
Selina und ich kennen uns seit 2008. Sie war damals zehn Jahre alt, ich arbeitete bereits im Marketing bei Schagerl, und wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass wir siebzehn Jahre später in einem niederösterreichischen Schloss stehen würden, um die frisch gekürte Preisträgerin des ARD-Musikwettbewerbs zu fotografieren, hätte ich vermutlich kurz das Gesicht verzogen und das Gespräch beendet (Scherz ;-) ). Aber so läuft das manchmal: Aus einem Kind mit einer Trompete, die fast größer war als es selbst, wird eine der gefragtesten Solistinnen ihrer Generation — und der Fotograf, der damals schon dabei war, ist es immer noch.
Die Anreise war, wie so oft bei meinen Shootings, eine Materialschlacht. Selina kam mit einem Reisekoffer voller Kleider, der ungefähr so groß war wie sie selbst zu der Zeit, als wir uns kennenlernten. Und es waren nicht irgendwelche Kleider: Die Garderobe stammte von Katharina Reuschel, einer Wiener Designerin, die ihr Handwerk als Couturière bei Valentino in Rom gelernt hat und in ihrem Atelier echte Unikate fertigt.
Ich kam meinerseits mit einer Ausrüstung an, in der unter anderem das Sigma 105mm 1.4 lag — ein Objektiv mit dem Gewicht eines kleinen Hundes, das wunderbare Bilder macht und einen unterwegs zuverlässig daran erinnert, warum man eigentlich ins Marketing gewechselt ist. Monika, meine Arbeitskollegin bei Schagerl, war als helfende Hand mit dabei, und eine Visagistin sorgte für die Maske zwischen den Sets. Vier Leute, ein Schloss, deutlich zu viel Equipment — und ein Tag, der sich von Beginn an mehr nach Ausflug als nach Arbeit anfühlte.
Ein Schloss als Bühne
Grafenegg gibt einem viel, wenn man bereit ist, es zu nutzen. Wir haben uns durch das Anwesen gearbeitet wie durch eine Abfolge von Bühnenbildern: die historische Reitschule mit ihrem Kronleuchter, die barocken Fensterflächen, die das Spätsommerlicht in alle Richtungen warfen, die Freitreppe zur Hauptfront, der Schlosspark in der goldenen Stunde.
Jeder Ort hatte seinen eigenen Charakter — und Selina passte sich jedem Raum mit derselben Souveränität an, die auch ihr Spiel auszeichnet. Man stellt das Licht, man deutet eine Richtung an, und der Rest passiert von selbst, weil die Person vor der Kamera weiß, was sie tut.
Das ist der Luxus, mit jemandem zu arbeiten, den man seit Jahren kennt: Es muss nichts erklärt, nichts erkämpft, nichts inszeniert werden. Ein Blick, ein kurzes Nicken, und beide wissen, wohin die nächste Aufnahme geht. Die Trompete war dabei mal Hauptdarstellerin, mal Requisit, mal stand sie einfach nur im Bild, weil sie zu Selina gehört wie die Hände zum Spiel.
Klassische Eleganz, moderne Bildsprache
Das Ziel war kein klassisches Pressebild. Grafenegg verleitet schnell dazu, brave Postkartenmotive zu produzieren — Schloss, Sonne, lächelnde Künstlerin. Wir wollten etwas, das die historische Kulisse ernst nimmt, ohne sich ihr unterzuordnen.
Klassische Eleganz, aber mit einer Bildsprache, die heute funktioniert und nicht aussieht, als wäre sie vor dreißig Jahren entstanden. Das schwarze Kleid in der Reitschule, der Kronleuchter über allem, das gerichtete Licht durch die hohen Fenster — Bilder, die das Erbe des Ortes zeigen und gleichzeitig die Künstlerin, die heute darin steht.
Ein großer Dank an Schloss Grafenegg für die Zusammenarbeit und die Möglichkeit, an einem so unverschämt fotogenen Ort zu fotografieren — und vor allem an Selina dafür, dass sie mich auf diesem Weg immer wieder die Kamera halten lässt.