Notiz · Juni 2026

Geli, oder: wie man eine Freundschaft buchen kann, ohne sie zu bestellen.

Juni 2026 8 Min. Lesezeit

Manche der wichtigsten Begegnungen meines Berufslebens haben damit angefangen, dass ich beladen wie ein Packesel irgendwo angekommen bin. Die mit Geli hat damit angefangen, dass ich beladen wie ein Packesel in einem Wiener Studio angekommen bin und festgestellt habe, dass die beiden Frauen, mit denen ich an dem Tag arbeiten sollte, bereits ohne mich begonnen hatten.

Das war 2014. Ich war damals fotografisch schon länger unterwegs, in einer Phase, in der ich aktiv Modelshootings gemacht habe — die meisten zwischen 2011 und 2016, oft mit wechselnden Visagistinnen, manchmal auch ganz ohne, weil ich für die Brass- und Musiker-Sessions sowieso fast immer allein unterwegs war und in fünfzehn Minuten Probenpause auch keinen Maskenbildner mitschleppen kann. Es gab keine „meine Visa". Es gab nur „die Visa für heute".

Das Shooting an diesem Tag hatte Victoria gebucht, eine Frau, die mich angeschrieben hatte, weil sie professionelle Portraits brauchte. Ich hatte gerade Lust auf neues Portfolio-Material, also wurde aus zwei losen Interessen ein Termin. Was ich nicht wusste: Victoria hatte selbständig eine Visagistin organisiert. Mein Freund Alex war vermutlich mit mir dabei — er hat in jenen Jahren bei vielen meiner Shootings geholfen und das Ausrüstungsschleppen so souverän übernommen wie sonst niemand. Als ich also keuchend und schwerbeladen ins Studio kam, saßen die beiden bereits in Arbeit vertieft. Geli — Angelika Oswald — schaute mich an, als würde sie sich noch nicht entschieden haben, ob sie mich mögen kann oder nicht. Etwas distanziert, leicht grantelnd, sehr fokussiert auf das, was sie gerade machte. Mein erster Gedanke war ungefähr: na das wird interessant.

Dann beobachtete ich sie eine Weile bei der Arbeit.

Geli in voller Bewegung im Türrahmen, lachend gestikulierend — Schwarz-Weiß
Geli am Set — beobachtet, wie sie's hasst

Innerhalb der ersten Stunde war klar, dass Geli ihren Job nicht nur kennt, sondern liebt. Sie redete mit Victoria über Maske, Look und Stimmung so präzise und gleichzeitig so leicht, dass Victoria sofort entspannte — eine Mischung aus Fachverstand und Beiläufigkeit, die man nicht häufig erlebt. Innerhalb der zweiten Stunde war klar, dass Geli und ich auf einer Wellenlänge surfen — mit einem gekenterten Boot, schreiend aber mit einem Cocktail in der Hand. Das mag wie ein seltsamer Vergleich klingen, ist aber ein präziser. Geli hat einen Humor, der entweder sofort funktioniert oder gar nicht, und meiner ist ungefähr ähnlich gestrickt. Wir haben am Set begonnen zu blödeln, und wir haben nicht mehr aufgehört.

Was ich erst im Laufe der nächsten Sessions verstanden habe: Visagistin ist nicht Gelis ursprünglicher Beruf. Sie hat Journalismus studiert, ist Magistra der Publizistik und Kommunikationswissenschaft, und schreibt eigentlich, seit sie schreiben kann. Die Maskenbild-Ausbildung hat sie irgendwann pragmatisch dazugelegt, nachdem sie der nüchterne Befund ereilt hatte, dass man als Schreiberling eher selten von dem leben kann, was man schreibt. Heute ist sie nebenher auch Ghostwriterin und schreibt für andere Bücher, die unter fremdem Namen erscheinen — eine Tätigkeit, die ungefähr so viel Diskretion erfordert, wie ihre Set-Kommentare unverschämt direkt sind. Was eine interessante Mischung ergibt, denn der Visa-Job am Set ist im Grunde die theatralische Bühne für eine Person, die hauptberuflich anderen Menschen Worte in den Mund legt.

Aus diesem ersten Tag wurden in den folgenden Jahren rund fünfzehn bis zwanzig gemeinsame Shootings — viele für mein Charity-Kalender-Projekt, einige editorial, ein paar Beauty-Sessions im Studio. Es war eine sehr konzentrierte Phase. Geli kannte zu dieser Zeit nebenbei eine ganze Wiener Subkultur: Sie betrieb einen kleinen Beauty-Salon, organisierte Polterabende und hatte folglich Kontakte zu Limousinen-Verleihen, Locations und Models, die einem normalsterblichen Fotografen nie zur Verfügung gestanden hätten. Wer „Tausendsassa" als Berufsbezeichnung sucht, ist bei Geli richtig adressiert. Ihr beruflicher Werdegang hat sie über die Jahre durch einige bemerkenswerte Schlaglöcher geführt — Geschichten, in denen ich nur sagen würde: stille Wasser sind tief, oder, wie man bei Geli auch sagen könnte, manche CDs brauchen einen Extra-Aufkleber. Wer mehr wissen will, besorgt sich ihr Buch — sollte es jemals erscheinen.

Irgendwann zwischen all diesen Shootings habe ich bei ihr daheim Passfotos von ihrem Mann Max gemacht — einem der sympathischsten Menschen, die man sich für eine Geli wünschen kann. Das war einer dieser unscheinbaren Momente, die im Nachhinein die größeren waren. Ab da war es nicht mehr „die Visa, die bei meinen Shootings hilft", sondern „die Geli, deren Wohnzimmer ich kenne". Max, ihre Mama, ihre Katze und durch die Einweihungsfeier ihres Studios sogar ihre Schwiegereltern habe ich im Lauf der Zeit kennengelernt. Das ist mehr, als bei den meisten Berufsbeziehungen am Ende übrig bleibt.

Dann kam, ungefähr 2016, eine Phase, in der mir die Fotografie eine Weile zu viel war. Das Kalenderprojekt war abgeschlossen, ich hatte über Jahre intensiv gearbeitet, und mit dem Modelfotografieren war Schluss — zumindest für mich. Ich habe danach weiterhin viel für Schagerl fotografiert und privat geknipst, aber an Modelshootings hatte ich erst mal kein Interesse mehr. Erst 2018 oder 2019 bin ich über EDC- und Produktfotografie wieder reingekommen, von einem anderen Eingang aus, sozusagen. Geli ist in diesen Jahren trotzdem geblieben — als Freundin, nicht als Visa.

Was unsere Freundschaft besonders macht, ist nichts Spektakuläres: Wir sehen uns selten, wir hören selten voneinander, und wenn wir uns dann doch wieder treffen, fühlt es sich an, als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen. Das ist die Sorte Freundschaft, die ich für die ehrlichste halte — eine, die keine permanente Pflege braucht, weil das Fundament steht und niemand mehr beweisen muss, dass es steht.

Geli kommt aus Wien, was logistisch alles vereinfacht hat, weil ich seit Jahren erfolgreich vermeide, in Wien selbst Auto zu fahren. Sie nicht. Also fährt sie. Holt mich vom Bahnhof ab, transportiert Equipment, kennt jeden Wiener Hinterhof, in dem man halbwegs unauffällig parken kann. Eine logistische Schlüsselrolle, die in Wien nicht zu unterschätzen ist.

Sie schreibt seit Ewigkeiten an einem eigenen Buch, das bisher nie ganz fertig zu werden scheint — was vielleicht daran liegt, dass sie ihre Schreibkraft gerade für andere Leute aufwendet. Ich ziehe sie damit so verlässlich auf, dass es mittlerweile zu unserem festen Repertoire gehört. Sie revanchiert sich mit Behind-the-Scenes-Fotos, auf denen ich verbogen, verschwitzt oder beides versuche, einen brauchbaren Bildwinkel zu finden — Fotos, von denen die Welt wahrscheinlich besser ist, dass sie sie nicht sieht.

Oliver gebückt am Sandstrand mit Kamera — typische Yoga-Stellung zwischen Treibholz und Schilf
Behind the Scenes — die typische Pose
Oliver in einem rosa Blumen- und Flamingo-Setting auf einem weißen Schaukelstuhl — farbig, absurd
Und die zweite Disziplin: Oliver, in Gelis Lieblings-Setting

Geli selbst lässt sich übrigens nicht gerne fotografieren — was ein erstaunliches Detail ist für jemanden, der so viel Zeit auf der anderen Seite der Kamera verbringt. Genau deshalb halte ich es für angebracht, in diesem Artikel ausnahmsweise zwei oder drei Bilder von ihr einzubauen, die in den letzten Jahren entstanden sind. Sie wird mich dafür hassen. Aber das gehört zum Repertoire.

Geli streckt abwehrend die Hand in die Kamera — schwarz-weiß, ironisches Portrait
„Kein Kommentar" — Geli, fotografiert von Oliver

Was Geli und mich zu einem guten Team macht, ist eigentlich gar nicht so sehr ihre Maskenbild-Arbeit oder mein Fotografieren. Sondern dass wir uns gegenseitig so verlässlich aufziehen und am Set so beharrlich blödeln, dass die Stimmung in den ersten Minuten gelockert ist, ob das Model will oder nicht. Wer nervös ankommt, merkt nach kurzer Zeit, dass hier zwei lustige Verrückte am Werk sind — im positiven Sinne, behaupten wir zumindest. Was wir dabei wirklich machen, ist eigentlich klassisches Spannungsmanagement, nur eben verpackt in eine Form, die sich nicht wie Spannungsmanagement anfühlt. Geli hat dafür vermutlich das bessere Werkzeug, weil Worte ihr Beruf sind und der Pinsel nur dazugelernt. Ich liefere die fotografischen Pausen dazwischen.

Heute, mehr als zehn Jahre nach diesem ersten Shooting mit Victoria, ist Geli nicht mehr „die Visa". Sie ist die Freundin, die ich anrufe, wenn ich in Wien einen Termin habe. Die Person, die meine schlechtesten BTS-Fotos in einem Ordner sammelt und mir gelegentlich an ungünstigen Tagen schickt. Die Magistra, die für andere Bücher schreibt und deren eigenes vielleicht nie erscheint — oder eines Tages doch.

Wir haben uns 2014 in einem Wiener Studio kennengelernt, weil eine andere Frau eine Visagistin gebucht hatte. Wir surfen seitdem auf derselben Welle — manchmal kontrolliert, oft chaotisch, meistens mit Cocktail in der Hand.

Victoria, falls du das je liest: Danke. Du hast nicht nur ein paar nette Portraits bekommen, sondern mir nebenbei die wichtigste Arbeitsbeziehung der letzten Jahre vorbeigebracht. Manche Hand-wäscht-die-andere-Konstellationen waschen mehr, als sie versprechen.

#angelikaoswald #makeupartist #viennaphotography #behindthescenes #freundschaft
← Zurück zum Journal