Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren mehr Kameras besessen, als manche Menschen in ihrem ganzen Leben in der Hand halten. Ich bin durch das halbe Fujifilm-System gegangen, habe mit Sony für Video aufgerüstet, mir gleich zwei Leica Q geleistet, das GFX-Mittelformat-System zweimal gekauft und einmal verkauft — und trotzdem landet am Ende, in 99 von 100 Fällen, dieselbe kleine Kamera in meiner Tasche. Eine Fujifilm X100. Es ist fast ein bisschen lächerlich.
Aber der Reihe nach.
Graz, ein voller Akku und ein sonniger Nachmittag
Als die originale X100 angekündigt wurde, war ich elektrisiert. Eine Kompaktkamera im Vintage-Look, mit großem APS-C-Sensor, fixem 23mm-Objektiv (35mm-Äquivalent) und diesem damals revolutionären Hybrid-Sucher, der optisch und elektronisch zugleich konnte — das war 2011 eine kleine Sensation. Ich wollte nicht auf den Versandweg warten. Also sind meine Frau und ich extra nach Graz gefahren, mehrere Stunden Anfahrt, eine Übernachtung in Kauf genommen, nur um eines der ersten in Österreich verfügbaren Exemplare noch am selben Tag in der Hand zu halten.
Ich hatte sogar vorab bei Foto Köberl in Graz angerufen, mit der Bitte, den Akku doch bitte schon mal aufzuladen, damit ich bei Ankunft sofort loslegen kann. Gesagt, getan. Kaum hatte ich die Kamera übernommen, startete ich mein erstes Street-Shooting und verbrachte den sonnigen Nachmittag in der Grazer Altstadt. Der Vintage-Charme, die Bildqualität, das ganze Gefühl — beeindruckend für die damalige Zeit. Nur der Autofokus, die allgemeine Geschwindigkeit und die Treffsicherheit des Hybrid-Suchers waren, sagen wir, gewöhnungsbedürftig. Aber das war mir in dem Moment herzlich egal.
Wie ein Kamerasystem einen Menschen übernimmt
Diese erste X100 war der Anfang einer langen Geschichte. Das Fujifilm-System hatte mich voll im Griff, und in den Jahren danach zog eine ganze Armada durch meine Hände: X-E1, X-Pro1, X-T1, X-T2, X-Pro2, X-E2, X-T3 — und sogar die ultrakompakte XF10 fand den Weg zu mir. Die originale X100 hatte ich da längst wieder verkauft und mich zur X100F hochgelevelt, der vierten Generation mit 24-Megapixel-Sensor.
Und dann war da noch das Mittelformat. Angefangen hat das mit einer Pentax 645Z, die mir die ganze Welt der großen Sensoren erst so richtig schmackhaft gemacht hat — 51 Megapixel auf einer Sensorfläche, die fast doppelt so groß ist wie Vollformat. Da Hasselblad für mich bis heute finanziell unerreichbar bleibt — und mir, kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, bis heute auch keine Kamera zur Verfügung stellt — wurde das GFX-System von Fujifilm die perfekte Mittelformat-Option. Meine allererste GFX war übrigens eine gebraucht gekaufte GFX 50S, rein privat, weil mich der Sensor schlicht umgehauen hat. Danach kamen die GFX 100 und die GFX 100S, beide mit sämtlichen Festbrennweiten.
Es war, im Rückblick, schlicht zu viel. Zu viele Gehäuse, zu viele Objektive, zu viel Material, das gepflegt, geladen, transportiert und versichert werden will.
Der Umweg über Sony, Leica und das große Aussortieren
Als der Bedarf an Videoaufnahmen stieg, kam Sony ins Spiel. Ich holte mir die A7 IV, die A7R V, die FX3 und später sogar die A1 — und in einem Anfall von Aufräum-Entschlossenheit verkaufte ich zwischenzeitlich sämtliche Fuji- und GFX-Kameras. Behalten habe ich nur eine einzige: die X100F. Das allein sollte mir eigentlich schon zu denken geben haben.
Denn kurz darauf merkte ich, dass mir etwas fehlt. Also kam das Mittelformat zurück, diesmal als GFX 100S II mit ein paar Festbrennweiten — aber bewusst reduzierter als vorher. Und weil der Mittelformat-Sensor einfach so genial ist, habe ich mir später sogar noch ein zweites Mal eine gebrauchte GFX 50S geholt — dieselbe Kamera, die schon mein Einstieg ins Mittelformat war. Man traut es sich fast nicht zu sagen: dieselbe Kamera zweimal gekauft, nur weil dieser Sensor es einem so schwer macht, ihn loszulassen.
Und weil ich im Kopf hatte, ich bräuchte unbedingt eine kompakte Kamera mit Vollformatsensor, leistete ich mir noch eine Leica Q2. Die 28mm der Q2 waren gestochen scharf, die Bildqualität über jeden Zweifel erhaben — nur der Autofokus war furchtbar, und vor allem: 28mm sind mir schlicht zu weitwinklig. Ich fotografiere am liebsten mit 35mm. Das ist die Brennweite, mit der ich mich wohlfühle, und dabei bleibt es, egal wie oft ich etwas anderes ausprobiere.
Also verkaufte ich die Q2 wieder. Später kam die Leica Q3 43 dazu, die ich bis heute habe — und bei der ich ständig überlege, ob ich sie behalten oder verkaufen soll. Die Bildqualität ist top, der Autofokus auch hier nicht optimal, und 43mm sind mir fast wieder zu viel. Weil ich eben immer wieder bei 35mm lande.
Und am Ende ist es immer die Kleine
Bei allem Hin und Her, bei allen Systemwechseln, bei allem GAS — wie man die „Gear Acquisition Syndrome" genannte Sammelkrankheit unter Fotografen nennt — landet am Ende zu 99 Prozent dieselbe Kamera in meiner Tasche: inzwischen die X100V, die fünfte Generation. Und zwar aus einem einfachen Grund: Sie ist mit Abstand die beste Kompaktkamera, die man immer dabei haben kann.
Sie ist klein genug, um nicht zur Last zu werden. Die Qualität ist mehr als gut genug. Und die Fujifilm-Filmsimulationen liefern out of the box JPEGs, die ohne jede Nachbearbeitung sofort social-media-tauglich sind — das ist im Alltag schlicht genial. Dazu kommt der Leaf-Shutter, der lautlos auslöst, und ein Auftreten, das so unaufdringlich ist, dass niemand dich für einen Fotografen hält. Man fällt nicht auf. Man wirkt nicht wie jemand, der „arbeitet". Man drückt einfach ab.
Genau das habe ich auf unzähligen Reisen zu schätzen gelernt. Sie war auf einer USA-Reise mit Selina Ott dabei (eine Geschichte, die einen eigenen Artikel verdient — der kommt noch), und sie ist in jedem Urlaub mit dabei. Am Strand kannst du sie schnell wegstecken, und ehrlich gesagt fühlt man sich auch wohler, wenn das, was in der Tasche steckt, nicht sieben- oder achttausend Euro kostet, sondern unter zwei. Gerade in den USA, wo der sicherste Ort der Welt anders aussieht, ist das ein nicht zu unterschätzendes Argument.
Die perfekte Kamera gibt es noch nicht — aber sie ist nah dran
Ich bin ehrlich: Perfekt ist die X100-Serie nicht. Ich hätte gerne einen Vollformatsensor, und die Blende dürfte ruhig noch eine Spur offener sein. Meine Traumkamera wäre eine X100 mit 35mm-Blickwinkel, einer f/1.4-Blende statt der aktuellen f/2 und 40 oder 50 Megapixeln für noch besseres Bokeh und mehr Reserven. Das wäre, für meine Art zu fotografieren, das perfekte Werkzeug.
Dass ich noch bei der X100V geblieben bin und nicht zur X100VI gewechselt habe, hat genau damit zu tun: Die VI bringt mehr Megapixel und einen Bildstabilisator, aber den großen Sprung, den ich mir wünsche — Vollformat, lichtstärkere Blende —, bringt sie nicht. Für mich aktuell zu wenig Upgrade, um zu wechseln.
Bis es so eine Kamera gibt, bleibt die X100-Serie für mich trotzdem das, was sie ist: optisch wie qualitativ das beste Kamera-Release der letzten zehn bis zwanzig Jahre. Eine Kamera, die ich durch ein ganzes Sammelsurium an teureren, größeren, technisch überlegenen Systemen hindurch immer wieder zur Hand nehme — nicht weil sie auf dem Papier gewinnt, sondern weil sie sich richtig anfühlt.
Und das, so habe ich nach fünfzehn Jahren und viel zu vielen Kameras gelernt, ist am Ende das Einzige, worauf es wirklich ankommt.